Ein Investor begeht ein Haus
Seit ungefähr einem Jahr arbeite ich in dem Haus, das hier rechts auf dem Hintergrundbild zu sehen ist (was ich nicht ahnte, als ich das Bild lange vorher vom Schwedter Steg aus gemacht hatte.) Im nächsten März muss ich raus: das Haus wurde an einen Investor verkauft, der die Etagen komplett entkernen und als Loftwohnungen verkaufen will. Den Mietern, alle mit befristeten Verträgen, wurde gekündigt.
Allerdings laufen manche Verträge noch bis weit ins nächste Jahr hinein und jedenfalls über den geplanten Baubeginn hinaus. Das veranlasste den neuen Eigentümer zu einigen interessanten Ankündigungen, wie eine Kollegin berichtet.
“Sie müssen selbst wissen, ob sie bis zum Vertragsende hier bleiben wollen”, habe der Mann bei einer Besichtigung zu ihr gesagt. “Wir fangen im März auf jeden Fall an zu sanieren, da kann es im Sommer schon sehr heißt werden unter so einer Bauplane. Und ob das Internet immer funktioniert, wenn wir die Sachen hier rausreißen, kann man natürlich auch nicht garantieren. Abgesehen von dem Staub und dem Lärm.”
Da ballt man natürlich erst mal die Faust in der Tasche. Aber was könnte man tun? Vielleicht darauf spekulieren, dass die eigenen Unannehmlichkeiten geringer sein würden als die Kosten für einen Eigentümer, der um eine Wohnung herum sanieren muss (und darauf, dass auch der Eigentümer das weiß und sich den früheren Auszug bestenfalls etwas kosten lässt). Aber wenn es nicht aufgeht? Die Kollegin hat die ganze Etage gemietet und vermietet einzelne Arbeitsplätze unter, mit kurzen Laufzeiten. Wenn die Untermieter abspringen, kann sie die Miete nicht mehr aufbringen. Und sie betreibt einen Online-Shop, von dessen Umsätzen sie lebt.
Damit diese Geschichte wenigstens in Gedanken ein gerechtes Ende nimmt, haben wir uns ausgemalt, wie der Mann auf seinen frisch renovierten Lofts sitzen bleibt. Hinter dem Haus verläuft die Ringbahntrasse. Tagsüber hält sich der Lärm in Grenzen, aber wenn zwischen zwei und vier Uhr morgens die Güterzüge vorbeirattern, wackeln die Wände. Bei offenem Fenster kann da niemand schlafen. Wer ist schon bereit, für eine solche Wohnung eine halbe Million oder mehr auszugeben?
Andererseits: Wer besichtigt eine Wohnung schon zwischen zwei und vier Uhr morgens?
